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Wer so ein Risiko eingeht, dem muss die Angst im Nacken sitzen. Ein Beispiel, das den Druck der zur Wanderarbeit führt, verständlich macht, sind die Zustände etwa in ukrainischen Bergwerken. In vielen ehemaligen Sowjetrepubliken gibt es solche Zustände – auch für Russland können sie als exemplarisch gelten. Im Juli 2002 brach im Kohlebergwerk „Ukraina“, unweit der Stadt Selidowo, untertage ein Feuer aus, bei dem 35 Bergleute ums Leben kamen. Die Kumpel wurden in 700 Meter Tiefe vom Feuer eingeschlossen bzw. erstickten im Förderkorb auf dem Weg nach oben, allein aufgrund mangelnder Sicherheitsmaßnahmen und weil die Feuerwehr zu spät informiert wurde.

Es ist bezeichnend, dass im ukrainischen Steinkohlenbergbau eine ganz besondere Statistik geführt wird, über die die Frankfurter Allgemeine Zeitung schon einmal berichtete. „Sie hat nichts mit Förderkosten, Preisen, also der Rentabilität der Zechen zu tun, sondern handelt von dem Material ‚Mensch‘„, so die FAZ. Nach dieser Statistik kostete die Förderung von 1 Million Tonnen Kohle im Jahr 1989 im Schnitt 1,54 Bergleuten das Leben. 1999 – nach zehn Jahren kapitalistischer Reformen – mussten 3,62 Arbeiter mit dem Leben bezahlen. In den ersten Monaten des Jahres 2002 waren es bereits fünf Tote für eine Million Tonnen Kohle.

Allgemein spricht man in Russland auch von „Prekarnost“, einer zynischen Wortneuschöpfung aus „Glasnost“ und „Prekariat“. Ähnlich wie im Westen klagen auch in Russland viele Menschen über das (zumindest gefühlte) Schwinden gesellschaftlicher Solidarität. Sie werde wegrationalisiert, so empfinden die Russen, weil im Kapitalismus im Zeitalter der westlich geprägten post-industriellen Gesellschaft alles „dein eigenes Problem“ ist. Von der Marktwirtschaft nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges im Sturm erobert, hat Russland dieses Phänomen womöglich härter erlebt als die westlichen Länder. Die Entfremdung dem eigenen Gemeinwesen gegenüber könnte zumindest nicht größer sein: Keine klaren Klassenschichtungen, keine Gruppeninteressen, keine Stabilität.

 

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Was bleibt ist Unsicherheit – auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene. Die Aufhebung sozialer Rechte sowie von Arbeitsrechten ist Teil der alltäglichen russischen Prekarität. Steuern steigen, ebenso Preise für Wohnungen, Wasser und Gas. „Prekarnost“ betrifft im russischen Kontext die Arbeit ebenso wie alles andere, also die Grundlagen des täglichen Lebens. Kein Wunder, dass Russland die Klein- und Mittelstandsunternehmen fördern will. Die Gesellschaft krankt schließlich dort auch am totalen Fehlen jeglicher Mittelschicht. Es gibt kaum etwas zwischen neureichen Industriemogulen und Menschen, die nur von einem Tag auf den anderen leben. Man ist sich der Probleme bewusst – aber so in ihr Dickicht verstrickt, dass es schwerfällt, wirklich etwas zu unternehmen. Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel Russlands werde einen Maßnahmenkomplex zur Vereinfachung der Arbeitsbedingungen der Klein- und Mittelunternehmen erarbeiten, erklärte die russische Wirtschafts- und Handelsministerin Elvira Nabiullina gegenüber Wladimir Putin gegen Ende seiner Präsidentschaft. Die Wirtschaftsministerin betonte, die Förderungsmaßnahmen würden helfen, Probleme bei Gründung sowie bei der Registrierung der Betriebe zu lösen. Nabiullna: „Es ist zurzeit extrem schwierig, Kleingeschäfte in Russland zu betreiben.“ Die von der föderalen Zentrale und den örtlichen Machtorganen geschaffenen Arbeitsbedingungen für Kleinunternehmer in Russland seien „einfach schrecklich“, unterstrich auch Putin.

Fast klingt der starke Mann Russlands resigniert, wenn er sagt: „Das ist eben der Fall, wo sich Ordnung in Chaos verwandelt.“ Mitunter müssten Kleinunternehmer monatelang, ja jahrelang auf eine Beamtenentscheidung warten. „Man muss mit Schmiergeld zu jeder zuständigen Stelle gehen – zur Feuerwehr, dem Gesundheitsamt, dem Gynäkologen“, sagte Putin wörtlich: „Es ist furchtbar.“

Quellen: Computerwoche, Human Rights Watch, European Institute for Progressive Cultural Policies (EIPCP), die Internetzeitung “Russland”

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