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SWP International:

„Von Tschernobyl bis Tschetschenien“ –
Russland und die „Prekarnost“

Zugegeben, mit der Überschrift für unseren Russland-Artikel haben wir zwei sehr plakative Schlagworte gewählt, die eher zwei russische Katastrophen der letzten 25 Jahre beschreiben, als den Alltag der Menschen in der postsowjetischen Zeit. Das Motto stimmt aber – denn wie wir sehen werden, sind es im Alltag gern die kleinen „Katastrophen“, die das Leben der Menschen in Russland bestimmen.

Davon kann so manches Unternehmen aus dem Westen ein Lied singen, das sich auf dem russischen Markt zu etablieren versucht. Besonders ITFirmen aus Westeuropa waren in den letzten Jahren gefragt, um veraltete sozialistische EDV im Land des boomenden russischen Bären auf den neuesten Stand zu bringen. Doch das ist mühselig: Die meist nötige Arbeit mit Dolmetscher (Englisch ist nicht so verbreitet, wie im Westen) führt zu höheren Kosten und leidigem Informationsverlust. Und auch die übrigen Arbeitsbedingungen sind nicht zu vergleichen. Oft arbeiten die Hightech-Spezialisten aus dem Westen noch auf halben Baustellen. Halbfertige Gebäude sind keine Seltenheit. Auch die russische Mentalität muss in jede Rechnung einbezogen werden: Namen und Titel sind von großer Bedeutung, wer nicht mindestens „Premium Consultant“ oder „Solution Architect“ ist, kann so gut wie einpacken. Apropos Rechnung: Auch die Preisgestaltung ist bei den Russen anders als im Westen. Festpreisprojekte gehören zur Tagesordnung – eine zusätzliche Herausforderung.

 

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Wer jetzt Mitleid mit den IT-Spezialisten aus dem Westen hat, sollte an die Wanderarbeiter aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion denken, die in Russland schuften. Human Rights Watch veröffentlichte vor wenigen Tagen im Februar dazu einen Bericht, wonach Menschenrechtsverletzungen gerade im russischen Bauhauptgewerbe an der Tagesordnung sind. Das Klima gegenüber Migranten ist in Russland ohnehin schon aufgeheizt und die Gewaltbereitschaft hoch, die globale Finanzkrise verschärft diese Zustände.

Der 130-seitige Bericht dokumentiert die weit verbreitete Einbehaltung von Löhnen, das Fehlen rechtlich vorgeschriebener Verträge und unsichere Arbeitsbedingungen auf Baustellen in ganz Russland. Oft würden Wanderarbeitern Arbeitsplätze in der Bauindustrie in Russland versprochen, de facto aber werden die Arbeitskräfte an Arbeitgeber vermittelt, die die Pässe einbehalten und die Männer dann zwingen, ohne Lohn zu arbeiten. Wer sich wehrt, wird eingesperrt und geschlagen: Es geht um Zwangsarbeit. Human Rights Watch befragte mehr als 140 Wanderbauarbeiter, die von 2006 bis 2008 in 49 russischen Städten gearbeitet haben. Mehr als 40 Prozent der zwischen vier und neun Millionen Wanderarbeiter in Russland sind in der Bauindustrie tätig.

 

 

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