SWP magazin

Buchrezension

Anna Funder „Stasiland“

 

Die Australierin Anna Funder ist für ihr Debüt als Autorin in Ostdeutschland auf den Spuren der DDR-Diktatur unterwegs gewesen. Durch ihren Blick von außen unvoreingenommen was Geschichte, Erinnerung und ideologische Gegensätze angeht, trifft und befragt sie Opfer und Täter, Mitläufer, Kollaborateure, Agenten und Widerstandskämpfer – und dokumentiert ihre Geschichten. So entsteht ein authentisches Bild der Erfahrungswelt des Überwachungsstaates DDR. Funders Sammlung von Interviews mit Tätern und Opfern der DDR-Diktatur macht auf informative Weise deutlich, in was für „Seelenlandschaften“ Menschen unter diesen Bedingungen lebten.

Vorurteilslos beschreibt sie verschiedene Lebensläufe, die alle vom Ministerium für Staatssicherheit beeinflusst wurden, erzählt sie etwa vom zur Mitarbeit Gezwungenen, vom Opportunisten, von der überlebenden Frau eines von der Stasi ermordeten Mannes und berichtet über das Stasi-Foltergefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.

Sicher, es gibt schon länger Dokumentationen, die sich mit Einzelschicksalen in der DDR befassen. Aber bisher fehlen Versuche, diese Einzelfacetten zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Anna Funder schafft das in bester angelsächsischer Tradition. Statt konstruiert neutral und auf „political correctness“ bedacht zu schreiben, bezieht Funder ihre Neugier in ihre Reportagen mit ein. Das Ergebnis ist ein interessanter erzählerischer Bogen, und damit eine Art Roman. Vielleicht spannender und erhellender sogar als die Äußerungen ihrer Gesprächspartner sind die vom deutsch-deutschen Blick freien Schlussfolgerungen der australischen Journalistin.

Anna Funder, „Stasiland“
Aus dem Englischen von Harald Riemann
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2004
ISBN 3434505768,
Gebunden, 350 Seiten, 24,90 EUR

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